Zukunftsforschung: Optimisten gegen Pessimisten
Published by Chris Doering,
Optimisten gegen Pessimisten
Die große Frage unserer Zeit: Welche Weltsicht bringt uns weiter? von Robert Levine
Es ist Herbst, als im Jahre 1980 ein Biologe und ein Ökonom um die Zukunft des gesamten Planeten wetten. Der amerikanische Biologe Paul Ehrlich prophezeit, dass "hunderte Millionen Menschen verhungern" würden. So steht es in seinem Buch Die Bevölkerungsbombe. Der Wirtschaftswissenschaftler Julian Simon hingegen behauptet, dass Technik und menschliche Erfindungsgabe Hungersnöte und andere Ressourcenknappheiten verhindern werden. Er setzt 1.000 Dollar darauf, dass die Preise von fünf ausgewählten Rohstoffen im Laufe des folgenden Jahrzehnts sinken werden.
Auf den ersten Blick ist das eine einfache Wette. Für jedes der fünf Metalle – Chrom, Kupfer, Nickel, Zinn und Wolfram – soll der Biologe Ehrlich im Geiste 200 Dollar ausgeben. Wäre der (inflationsbereinigte) Wert dieser gedanklichen Investitionen 1990 höher als 1.000 Dollar, würde ihm der Ökonom Simon die Differenz schulden. Fiele der Wert, müsste Ehrlich zahlen.
Der tatsächliche Einsatz ist indes weit höher als 1.000 Dollar. Simon und Ehrlich stehen für den Optimismus und Pessimismus ihrer Zeit. Sie sind Antipoden, für The Chronicle of Higher Education ist es die "akademische Wette des Jahrzehnts".
In den USA ist Paul Ehrlich zu der Zeit längst eine feste Größe, ein Ein-Mann-Club-of-Rome gewissermaßen, der in Radio und Fernsehen Hungersnöte, Engpässe und Umweltkatastrophen vorhersagt. "In zehn Jahren werden alle wichtigen Meerestiere ausgestorben sein", hatte Ehrlich bereits 1970 gewarnt. Als in den Jahren danach die Ölkrisen von 1973 und 1979 die USA damit konfrontieren, dass Energie in Zukunft teurer werden würde, spiegelt Ehrlich die Stimmung eines Landes wider, das zunehmend pessimistischer wird und sich eine dunkle Zukunft voller Knappheiten ausmalt.
Simon wiederum hatte seine Laufbahn an der University of Illinois als Wirtschaftswissenschaftler begonnen, der sich auch mit der Frage des Bevölkerungswachstums befasste. Bei der Untersuchung ökonomischer Daten kam er zu dem Schluss, dass neue Technologien in Zukunft dabei helfen werden, Rohstoffmängel zu verhindern. Simon ist davon überzeugt, dass der Fortschritt mit all seinen Facetten das Leben der Menschen verbessern wird – mehr als diese es sich vorstellen können. In seinem 1981 erschienenen Buch The Ultimate Resource argumentiert er, steigende Rohstoffpreise führten dazu, dass die Menschheit mehr von dem teuren Rohstoff entdeckten, sparsamer mit ihm umgingen und schließlich einen Ersatz fänden: Wenn uns das Öl aus der Wüste ausgeht, erfinden wir eben etwas, um es unter den Ozeanen hervorzuholen.
Sowohl Julian Simons als auch Paul Ehrlichs Denken prägen die Debatte über die Zukunft des Planeten bis heute, wie Paul Sabin in seinem Buch The Bet: Paul Ehrlich, Julian Simon, and Our Gamble over Earth’s Future beschreibt.
Seitdem Simon und Ehrlich ihre Wette abschlossen, haben sich die Schwerpunkte der Debatte verlagert – aber das Prinzip ist im Großen und Ganzen dasselbe geblieben. Wir sorgen uns heute mehr um das Überfischen der Meere als um Missernten, mehr um Dürren und Überschwemmungen als um "Peak Oil", das globale Ölfördermaximum. Wir debattieren über die Folgen der Gentechnik, die radikale Verlängerung der menschlichen Lebensspanne oder die Vision eines "Urknalls der Evolution" – wenn Rechner intelligenter werden als Menschen. Doch nach wie vor betrachten wir die Zukunft entweder als Pessimisten oder als Optimisten, je nachdem, ob wir dabei Mangel oder Überfluss im Sinn haben.
Computerwissenschaftler
Bill Joy gehörte als Mitbegründer von Sun Microsystems zu den Großen der Softwareszene im Silicon Valley, als er im April 2000 die Technik-Elite mit einem düsteren Essay in der Zeitschrift Wired aufrüttelte. In seinem Beitrag Warum die Zukunft uns nicht braucht warnte er vor den Folgen eines ungezügelten Fortschritts in Gentechnik, Robotik und Nanotechnik. Sein Essay stieß eine nach den technikverliebten Neunzigern überfällige Debatte über die Grenzen des Fortschritts an. Sorgen macht sich Joy immer noch: Erneut in Wired mahnte er vor Kurzem, Softwareschädlinge seien inzwischen so ausgereift, dass sie das gesamte Internet zusammenbrechen lassen könnten.
Multimilliardär und Mäzen
Computer-Nerd, langjähriger Chef von Microsoft, reichster Mann der Welt, Philanthrop: Bill Gates hat viele Stationen durchlaufen. Der rote Faden seines Lebens ist dabei nie gerissen: Gates’ Vertrauen, dass neue Technologien die Welt besser machen können. Mit der Bill & Melinda Gates Foundation ist er in den vergangenen Dekaden zum wichtigsten privaten Akteur im Kampf gegen Malaria, Kinderlähmung und andere Plagen geworden und hat mit seinem Engagement viele Millionen Menschenleben gerettet. Für den medizinischen Fortschritt macht Bill Gates Milliarden von Dollar locker – und fordert andere Großverdiener unter den Innovatoren auf, es ihm nachzutun.
Ökonom
Für Anhänger der Umweltbewegung ist Dennis Meadows seit 1972 die Kassandra schlechthin. Seine damals für den Club of Rome erstellte Studie malte ein düsteres Zukunftsszenario aus, in dem der Menschheit die Rohstoffe ausgehen. Die Studie brachte einen Wendepunkt in der Umweltdebatte. Zwar erwiesen sich die zeitlichen Prognosen, die der Wirtschaftswissenschaftler aus Simulationen gezogen hatte, als falsch. Doch an seiner Grundaussage hält Meadows fest. Eine Rückkehr zur guten alten Zeit gebe es nicht, bekräftigte er 2009. Politik und Wirtschaft müssten gründlich umdenken und vorausschauend handeln, sonst komme "wirklich eine schreckliche Zeit" auf uns zu.
Statistiker
Apokalyptische Gedanken sind Bjørn Lomborg völlig fremd. Der dänische Politikwissenschaftler und Statistikfachmann bevorzugt den nüchternen Blick in die Daten über den Zustand der Welt – und die lassen ihn bestreiten, dass der Klimawandel ein allzu großes Problem sei. Sogar im Gegenteil, wie er betont: Seit Beginn des 20. Jahrhunderts habe sich die Lage in vielerlei Hinsicht verbessert. Richtschnur für seine Handlungsempfehlung ist eine strikte Kosten-Nutzung-Rechnung: Statt Milliarden Dollar auszugeben, um den ungewissen Verlauf des Klimawandels zu beeinflussen, sollte man das Geld besser in lösbare Probleme wie Unterernährung, Trinkwassermangel und Krankheiten investieren.
Biochemiker
Die Forschungsergebnisse, die Árpád Pusztai 1998 präsentierte, schlugen in der Gentechnik-Community wie eine Bombe ein: Nachdem er Ratten mit gentechnisch veränderten Kartoffeln gefüttert hatte, habe er bei den Nagern ein geschwächtes Immunsystem und Veränderungen an Organen festgestellt. Während sein Arbeitgeber, das Rowett Research Institute, ihn feuerte und die Fachwelt ihm unsaubere Arbeit vorwarf, wurde der Ungar für die Gentechnikkritiker zum Helden. Bis heute hält er die Gentechnik für "inhärent unvorhersehbar". Forschung und Industrie würden mit ihren Laborzüchtungen viel zu leichtfertig umgehen, und es fehle an einem internationalen Sicherheitsprotokoll.