Was ist eigentlich aus der Kybernetik geworden? Zum 100. Geburtstag von Norbert Wiener: Der Regler des Zustands des Systems | DIE ZEIT Archiv | Ausgabe 48/1994
Published by Chris Doering,
Nein, die Kybernetik (wörtlich: Steuerungslehre) hat viel mehr hinterlassen. Einige der attraktivsten Forschungsideen von heute sind ihre Töchter, nur haben sie ihren Mädchennamen abgelegt: die Erforschung von natürlichen und künstlichen neuronalen Netzen etwa, von Ökosystemen oder von Mensch-Maschine-Interaktionen in Kraftwerken oder an Computern. Und längst haben die einst revolutionären Begriffe die öffentliche Rede erreicht. Vom Politiker zum Talk-Showmaster redet alle Welt kybernetisch, ohne es zu wissen – vom Feedback und von vernetzten Systemen, von Kreislaufprozessen und Selbstorganisation.
Wenn also in diesen Tagen der hundertjährige Geburtstag des amerikanischen Nobelpreisträgers Norbert Wiener erinnert wird, so ist neben seinen mathematischen Entdeckungen eben doch die Begründung des kybernetischen movements zu nennen. Sie war vor allem eine folgenreiche Suchbewegung von Natur- und Humanwissenschaftlern nach dem Zweiten Weltkrieg.
Dennoch, kybernetische Lehrbücher lesen sich wie Sammelsuria, wenngleich interessante. Zum Aufbau einer Kybernetik als Disziplin sui generis reichte es nämlich nicht. Der Sonderforschungsbereich „Kybernetik“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft hielt zwar beeindruckende vierzehn Jahre lang dem Prüfungsdruck der Gutachter stand. Bis 1983 untersuchten dort interdisziplinäre Teams visuelle, auditive und motorische Leistungen. Aber ihr unablässiger Streit darüber, was denn das eigentlich Kybernetische an ihrem Unternehmen sei, führte nicht zur tragfähigen Konstruktion eines eigenständigen Lehrgebäudes. Der Traum von einer Königswissenschaft vom Funktionieren an sich, deren allgemeingültige Prinzipien über den einzelnen Spezialdisziplinen thronen, er ist zerplatzt.