Definition des Hauptanwenders —Persona

1.1 Hintergrund und Zielsetzung

Im Produktentwicklungsprozess gilt es, den Entwurfsgegenstand gleichzeitig aus zwei entgegengesetzten Perspektiven zu betrachten: Einerseits vom Standpunkt des technisch Machbarens, andererseits vom Standpunkt des für die Anwendung Wünschenswerten. Die Herausforderung besteht darin, beide Perspektiven überein zu bringen.
Vom Standpunkt des technisch Machbaren heraus betrachtet lassen sich die Anforderungen meist direkt aus den zur Verfügung stehenden Kapazitäten ableiten. Schwieriger gestaltet sich dieses Vorhaben hinsichtlich des für die Anwendung Wünschenswerten: Welche Anforderungen hier zu erfüllen sind, lässt sich nur über eine aufwändige Analyse des Marktes, der anvisierten Zielgruppe und des Nutzerverhaltens im konkreten Anwendungskontext bestimmen. In einem iterativen Anpassungsprozess können dann erste Funktionsmodelle erstellt, von potentiellen Anwendern getestet und anschließend solange überarbeitet werden, bis ein überzeugendes – sowohl technisch umsetzbares als auch nützlich anwendbares – Ergebnis vorliegt.
Ziel des Forschungsprojektes TestReal ist es, mit der Bereitstellung eines Kennzahlensystems die Grundlagen für ein Instrument für die Energie-Stadtplanung zu entwickeln. Diese Zusammenstellung soll mögliche Anforderungen des Nutzers an das Instrument aufzeigen und mit den technischen Anforderungen des Systems abgleichen.

2 Vorgehensweise

2.1 Verwendete Untersuchungsmethode

In der Softwareentwicklung haben sich Verfahren etabliert, die mit überschaubarem technischen und finanziellem Aufwand einen frühzeitigen Abgleich technischer Bedingungen mit den Anforderungen der Zielgruppe ermöglichen. Dabei wird davon ausgegangen, dass sich aus der Analyse einzelner Nutzer weiterführende Annahmen über die Anforderungen einer breiter gefassten Zielgruppe treffen lassen. Dazu werden Nutzermodelle als abstrakte Abbildungen realer Anwendergruppen entwickeln, die in Gestalt sogenannter Personas als narratives Kommunikationswerkzeug dargestellt werden. Das Verfahren geht auf den Interaction-Designer Alan Cooper (Cooper u. a., 2012, S. 75-108) zurück und findet breite Anwendung in den Bereichen der Produkt-Entwicklung und des Marketings.
Nach Cooper dienen Personas dazu:
· Zu bestimmen, welche Eigenschaften ein zu entwickelndes Produkt haben soll
· Nutzer-Anforderungen an das Produkt gegenüber am Entwicklungsprozess beteiligten Akteuren anschaulich zu vermitteln und auf dieser Grundlage Entscheidungen zu ermöglichen
· Konsens über die zu berücksichtigenden Anforderungen herbeizuführen
· Die Effektivität der getroffenen Entscheidungen im Projektverlauf abbilden und darstellen zu können
· Produktbezogene Maßnahmen, u.a. Marketing und Vertrieb, zu informieren und zu unterstützen
Als Grundlage für die konventionelle Erstellung der Personas werden Daten aus Befragungen herangezogen, die zur Veranschaulichung durch narrative Elemente ergänzt werden und jeweils fiktive Repräsentationen darstellen. Ein wesentlicher Nachteil dieser Vorgehensweise besteht jedoch darin, dass die Erstellung der Personas mit erheblichem Aufwand bei der Erhebung und Auswertung der Nutzerdaten verbunden ist. Dies führt in der Praxis oft dazu, dass Personas lediglich als stereotypische Abbilder von im Vorfeld getroffenen Annahmen entwickelt werden und eine fundierte Datengrundlage vermissen lassen (Cooper u. a., 2012, S. 82). Auch provisorische Personas können jedoch dazu herangezogen werden, Erwartungen und Grundannahmen über den Funktionsumfang eines zu entwickelnden Produktes zwischen den Entscheidungsträgern zu kommunizieren und schließlich zu eruieren.
Im bisherigen Projektverlauf konnten bereits grundsätzliche Annahmen darüber getroffen werden, welche Anforderungen das Planungsinstrument erfüllen soll. Die Annahmen konnten auf Grundlage von Gesprächen mit den Experten innerhalb des Entwicklerteam sowie in Abgrenzung zu bestehenden Praktiken im Bereich der Energie-Stadtplanung getroffen werden.
· Vorkenntnisse. Die Bearbeitung ist einfacher, da Hilfestellungen gegeben werden
· Datenverfügbarkeit. Es werden keine Daten benötigt, die nicht oder nur schwer verfügbar sind
· Zeitersparnis. Die Bearbeitung geht deutlich schneller
· Vergleichbarkeit. Die Daten sind überregional besser vergleichbar
· Glaubwürdigkeit. Die Daten sind besser fundiert und besser nachvollziehbar
Diese Annahmen wurden zunächst ohne gezielte Datenerhebung auf Grundlage eigener Erfahrungswerte getroffen. Sobald eine erste Testversion des Planungsinstruments vorliegt, können die Annahmen mittels Nutzertests überprüft werden.

2.2 Anpassung der Untersuchungsmethode

2.2.1 Datenerhebung

Um ohne Nutzerbefragungen mit geringem Zeitaufwand Daten erheben zu können, wurde eine eigene Vorgehensweise angewendet.
Dazu wurde auf Daten zurückgegriffen, die zur Zielgruppe zuzuordnende Personen auf öffentlich zugänglichen Nutzerprofilen im sozialen Online-Netzwerk „Xing“ bereitstellen. Ziel war es, erste Hinweise zu erhalten auf Kenntnisstand und Erfahrungen der Zielgruppe in der kommunalen Klima- und Energie-Planung, um anschließend Rückschlüsse zu ziehen auf die spezifischen Anforderungen der potentiellen Nutzer an das Planungsinstrument.
In einer gezielten Suchanfrage wurden zunächst die verfügbaren Profile anhand definierter Kriterien gefiltert. Der Zielgruppe wurden alle Profile von Personen zugeordnet, die auf kommunaler Ebene mit dem Thema Klimaschutz und Energieplanung betraut sind. Nicht berücksichtigt wurden Profile von Personen, die lediglich auf Gebäudeebene tätig sind (etwa Hausmeister, Schornsteinfeger, Energieberater), Unternehmer, Angestellte der Privatwirtschaft, Dienstleister, sowie Politiker. Insgesamt wurden 81 Nutzerprofile ausgewertet.
Abbildung 1: Quantitative Auswertung von Nutzerprofilen des sozialen Netzwerkes „Xing“




2.2.2 Bildliche Repräsentation der Persona




Konventionell werden für die bildliche Darstellung der Persona aus digitalen Datenbanken Abbildungen ausgewählt, die das Profil der jeweiligen Persona exemplarisch illustrieren sollen. Auch hier zeigt sich das Problem einer adäquaten Darstellung jenseits stereotypischer subjektiver Annahmen.
Zur Lösung dieses Problems wurden die tatsächliche Abbildungen aus den Nutzerprofilen einem sogenannten „Morphing“ unterzogen; Dabei werden Abbildungen von Gesichtern derart miteinander verwoben, dass daraus ein neues Abbild als Querschnitt der physiologischen Eigenschaften entsteht. Die inhaltliche Abstraktion der Persona, bei der individuelle Eigenschaften von Einzelpersonen zu einem Querschnittsprofil zusammengeführt werden, findet somit eine bildliche Entsprechung. Visuell wird damit verdeutlicht, dass es sich nicht um eine tatsächliche Person handelt, sondern um ein abstrahiertes Personen-Modell.
Die manuelle Erstellung eines solchen Profils ist verhältnismäßig zeitaufwändig, kann jedoch mit entsprechender Software stark vereinfacht werden.
Abbildung 2: Persona, Entscheidungsträger im kommunalen Klimaschutz

2.3 Einschränkungen

Bei der Vorgehensweise zu Berücksichtigen ist, dass die Daten rein quantitativ erhoben wurden und nur eingeschränkt repräsentativ sind. Dies liegt zum einen an der geringen Fallzahl von 81 Nutzerprofilen sowie an der Nutzerstruktur. So ist davon auszugehen, dass soziale Netzwerke eher von jüngeren Personen genutzt werden und nicht alle Angaben vollständig sind. Dennoch lassen die Ergebnisse eine erste Einschätzung typischer Nutzerstrukturen zu und können als Grundlage für die weitere Entwicklung des Planungswerkzeuges herangezogen werden.

3 Ergebnis

3.1 Datenauswertung

Aus der Datenauswertung können folgende Aussagen über die Zielgruppe abgeleitet werden:
· Die Mehrheit der Anwender ist männlich (63%);
· Die größte Anwendergruppe hat ein Studium der Geographie (23%) oder im Bereich der Anlagen- und Versorgungstechnik (10%) absolviert und verfügt über eine Zusatzqualifikation in der Energieberatung (15%), in der Öffentlichkeitsarbeit (12%) sowie im Klimaschutzmanagement (10%);
· Im Durchschnitt verfügen die Anwender über etwa 7 Jahre Berufserfahrung, davon jedoch lediglich zwei Jahre im Bereich Klimaschutz oder Energieplanung;
· Vor ihrer Tätigkeit waren die Anwender in der Wissenschaft (15%), der Verwaltung (3,7%) sowie in den Bereichen Energietechnik, Energieberatung, Unternehmensberatung und Architektur tätig (jeweils 2,5%);

3.2 Fazit

Die Zielgruppe ist in höchstem Maße heterogen; In der Kategorie der Berufsausbildung gehören 60% der Nutzer keiner der drei größten Berufsgruppen an. Einzelne Nutzergruppen kommen etwa aus den Bereichen Sozialforschung, Umweltschutz, Entwicklungshilfe, Betriebswirtschaft, Agrarwissenschaften oder Landschaftsarchitektur. Ähnlich zeigt sich der Befund in Hinblick auf die vorherigen Tätigkeitsfelder der Anwender. Hier finden sich neben den größten Branchen Wissenschaft und Verwaltung auch die Bereiche Verbraucherschutz, Logistik und Journalismus.

3.3 Weiteres Vorgehen

Für die weitere Entwicklung des Planungsinstruments ergibt sich die Notwendigkeit, auch Nutzergruppen ohne technische Ausbildung oder fundierte Kenntnisse im Bereich der Infrastrukturplanung bedienen zu können, bzw. alternativ umfangreiche Hilfestellungen für die Anwendung bereitzustellen. Andernfalls besteht die Gefahr, dass das Planungsinstrument zwar technischen Anforderungen gerecht wird, jedoch für breite potentielle Nutzergruppen nicht anwendbar ist. Dieser Umstand sollte für die weitere Entwicklung dringend berücksichtigt werden. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, die Zielgruppe weiter einzugrenzen und ein schärfer definiertes Nutzerprofil zu erstellen; Dafür ist es jedoch zunächst notwendig, mögliche Handlungsziele und Interaktionsszenarien auszuarbeiten und anhand von Nutzertests- und Befragungen zu evaluieren. Dieser Schritt kann jedoch erst erfolgen, sobald ein Funktionsmodell des Planungsinstruments vorliegt.

Literatur



Cooper, Alan ; Reimann, Robert ; Cronin, David: About Face 3: The Essentials of Interaction Design : John Wiley & Sons, 2012 — ISBN 9781118079157